Lücken im Mitgefühl: die Folgen
Geschrieben von Eric am 07. April 2012 14:42:23:
Liebe Schotterblumen, "weshalb sollte ich denn Mitgefühl für jemanden entwickeln, der Täter ist?"
Diese Frage werden sich viele stellen und sie wurde ja auch schon in diesem Forum gestellt.Bei vielen Menschen sprang der "Schalter", den unser Mitgefühl ja bekanntlich hat, auch im Falle des 17-jährigen Jungen aus Emden auf "aus", als dieser unter dem Verdacht verhaftet wurde, Täter im Mordfall Lena zu sein.
Das führte dazu, dass dieser Junge mit Morddrohungen überschüttet wurde, obwohl er schon nach einem Tag wegen erwiesener Unschuld wieder entlassen worden war.
Wieso aber erkannten das diese Menschen nicht, die ihn weiterhin bedrohten?
Weil ihr Mitgefühl auf "aus" stand, seit der Junge in die Schublade "Täter" gesteckt worden war. Dies wiederum war dann Rechtfertigung, gegen ihn vorzugehen. Aber eben nicht aus sachlichen Motiven heraus, sondern um die eigene Wut auszuleben. Wut, die im Grunde nichts mit dem Jungen zu tun hat, sondern die wahrscheinlich aus eigenen traumatisierenden Erlebnissen stammt.
Wie hätten diese Menschen erkennen können, dass der Junge unschuldig ist?
Das geht eben nicht mehr, wenn die eigene Wut bereits die Oberhand hat. Dann wird diese sich verselbständigen. Um zu erkennen, dass das eigene Verhalten schief läuft, wäre Mitgefühl mit dem Objekt dieser Wut notwendig gewesen. Mitgefühl mit einem Menschen, der in der Schublade "Täter" steckt.
Um nicht selbst zum Täter zu werden ist es also notwendig, Mitgefühl auch zu Tätern zu entwickeln, weil wir sonst gar nicht erkennen können, ob wir schon zum Täter geworden sind oder nicht.
Dies betrifft jeden von uns, auch in der Familie.
Wenn unser eigenes Kind etwas angestellt hat und damit in unserer eigenen Auffassung in diesem Bereich zum "Täter" wurde, dann hat es nach Auffassung vieler Menschen Strafe verdient.
Was aber, wenn unser eigenes Mitgefühl mit ihm dann schon ausgesetzt hat, weil er (vorübergehend) in der Schublade "Täter" steckt?
Wie wollen wir dann noch erkennen, ob es noch Strafe ist, was wir da machen, oder ob wir dem Kind schweren seelischen Schaden zufügen?
Ohne Mitgefühl mit Tätern ist das nicht möglich, sonst besteht eine große Gefahr für uns, selbst zum Täter zu werden, ohne es überhaupt zu merken.
Mitgefühl auch mit Tätern ist also kein Luxus, auf den wir getrost verzichten könnten, sondern pure Notwendigkeit für jeden Menschen.
Liebe Grüße
Eric
- Re: Lücken im Mitgefühl: die Folgen Molly 16.04.2012 18:14 (0)
- Re: Lücken im Mitgefühl: die Folgen tiegerkätzchen 08.04.2012 18:32 (1)
- Re: Lücken im Mitgefühl: die Folgen Eric 09.04.2012 00:15 (0)
- Re: und wie solchen begegnen? sehnsucht 07.04.2012 18:29 (3)
- Re: und wie solchen begegnen? Eric 07.04.2012 18:49 (2)
- Re: und wie solchen begegnen? sehnsucht 07.04.2012 20:49 (1)
- Re: und wie solchen begegnen? Eric 09.04.2012 00:32 (0)