Re: Mitgefühl für jeden?
Geschrieben von Nadja am 28. April 2012 13:32:45:
Als Antwort auf: Re: Mitgefühl für jeden? geschrieben von Molly am 27. April 2012 22:40:47:
Liebe Molly, Deine Meinung kann ich gut verstehen.
Du glaubst, dass Mitgefühl nur die Menschen verdient haben, die auch selbst mitfühlend sind, oder?
Ich finde, diese Meinung macht Dich noch lange nicht zu einem schlechten Menschen.Ist aber diese Art der Umsetzung von Mitgefühl überhaupt sinnvoll und möglich?
Woher nimmst Du denn das Wissen, ob ein Mensch Mitgefühl verdient hat, oder nicht?
Gibt es einen „Messbecher für Gefühle“, indem sich abwiegen lässt, ob die Menge des Mitgefühls eines anderen Menschen ausreicht, um diesem Menschen ebenfalls mit Mitgefühl entgegenzutreten?Stelle Dir mal vor, Du betrittst einen Parkplatz. Du siehst, wie ein Mensch direkt hinter einem Auto steht, dessen Fahrer gerade losfährt, aber anscheinend nicht sieht, dass direkt hinter seinem Auto ein anderer Mensch steht. Du reagierst sofort, und ziehst diesen Menschen blitzschnell an die Seite, damit dieser nicht verletzt wird.
Wenn Du vorher erst überlegt hättest, ob dieser Mensch Dein Mitgefühl verdient hat, keine Schmerzen erleiden zu müssen, wäre es zu spät gewesen, und der Mensch wäre schon verletzt.Ich glaube, Mitgefühl ist ein Gefühl, dass sich im Laufe eines Lebens entwickeln und ausweiten kann. Menschen, die im Moment noch nicht in der Lage sind, Dir Mitgefühl entgegenzubringen, können es vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt im Leben.
In einer Missbrauchssituation z.B. ist es zunächst einmal von großer Bedeutung, Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln, und sich zu befreien. Wenn es einem Menschen noch sehr schwer fällt, sich abzugrenzen, wird er aus meiner Sicht heraus auch Schwierigkeiten haben mit dem Mitgefühl. Denn ich glaube, dass Mitgefühl die Fähigkeit voraussetzt, sich und seine eigenen Gefühle wichtig zu nehmen, und sich abgrenzen zu können.
Es ist ein Kreislauf. Wenn es Dir gelingt, Mitgefühl für Dich zu empfinden, indem Du Deine Emotionen anschaust, kannst Du auch Schritt für Schritt erlernen, die Emotionen anderer Menschen anzuschauen, und zu verstehen. Das wiederum fördert Dein eigenes Selbstwertgefühl, denn Du kannst dann erkennen, dass manche Emotionen unserer Mitmenschen im Grunde nichts direkt mit uns zu tun haben, sondern aus ihrer eigenen Geschichte heraus entstehen.Ist es Dir nicht auch schon passiert, dass Du von Menschen Mitgefühl erhalten hast, ohne dass Du es Dir im Vorfeld verdient hättest?
Liebe Grüße
Nadja
>Liebe Nadja,
>vielleicht habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt.
>Mit verdienen meine ich nicht, dass es eine Gegenleistung geben soll, eher, dass jemand es zu würdigen weiß.
>Nein, das ist es auch nicht. Hm, ich meine, das man sich auch Mitgefühl verdienen muss indem man selbst (Mit-)gefühl beweist.
>Hoffentlich konnte ich das jetzt irgendwie klar machen.
>Gruß
>Molly
>
>>Liebe Molly,
>>ich bin der Meinung, dass wir alle Menschen mit Gefühlen sind. Kein Mensch ist perfekt.
>>Aber haben nicht insbesondere die Menschen Mitgefühl von uns "verdient", die keine Möglichkeit haben, sich welches zu "verdienen"?
>>Sind es nicht z.B. hilflose und traumatisierte Kinder, alte und kranke Menschen, Menschen, bei denen ihr Trauma „ganz akut aufgebrochen“ ist usw., für welche unser Mitgefühl von ganz besonders großer Bedeutung ist?
>>Muss Mitgefühl wirklich erst „wie Geld“ verdient werden?
>>Oder ist Mitgefühl eines der wertvollsten Geschenke auf dieser Welt?
>>Liebe Grüße
>>Nadja
>>
>>>Hallo,
>>>ich habe jetzt eine ganze Zeit darüber nach gedacht und bin einfach nicht bereit jedem Mitgefühl entgegen zu bringen.
>>>Für mich muss man sich Mitgefühl verdienen, das bekommt man nicht einfach geschenkt.
>>>Ich habe für mein Mitgefühl keinen Schalter, eher einen Dimmer, der das Ausmaß meines Mitgefühls reguliert.
>>>Es ist wie mit Respekt. Man muss es sich verdienen und bekommt es nicht automatisch von mir, nur weil man lebt.
>>>Ich bin keine Heilige, bin nicht perfekt. Ich kann nicht jedem verzeihen, jedem Mitgefühl entgegen bringen, ich bin nicht Gott oder an was auch immer ihr glaubt.
>>>Ich bin ein Mensch mit Gefühlen, mit Wut, Trauer, Mitgefühl und Glück.
>>>Es geht nicht, ich kann nicht alle Menschen lieben und ihnen Mitgefühl entgegen bringen.
>>>Vielleicht macht mich das zu keinem guten Menschen, aber es macht mich menschlich.
>>>Gruß
>>>Molly