Re: Mitgefühl kann auch Freude sein
Geschrieben von Eric am 16. April 2012 19:16:35:
Als Antwort auf: Re: Mitgefühl kann auch Freude sein geschrieben von Nadja am 16. April 2012 16:04:58:
Liebe Nadja, ich glaube auch, dass viele hier bei Schotterblume ihr Mitgefühl durchaus wiederentdeckt haben. Manche hatten vielleicht sogar das Glück, es nie verloren zu haben.
Es werden ja nie alle Emotionen abgespalten, wie Du weißt, sondern das geht sehr selektiv. Viele Menschen suchen lange nach ihrer Wut, damit sie diese endlich in der Therapie aufarbeiten können. Oder nach ihrer Trauer, die sie lange abgespalten und unter ihrer Wut versteckt haben.
Und ich bin mir fast sicher, dass viele, die hier lesen, sich selbst als Kämpfer in einer relativ feindlichen Welt sehen. Meinst Du nicht auch?
Wenn Du magst, lies Dir mal ein kleines "Rollenspiel" durch:
Ein 15-jähriger Junge schießt beim Spielen seinen Fußball auf eines Deiner Fenster, das darauf hin zu Bruch geht.
Du schaust aus dem Fenster hinaus und schreist wutentbrannt "Hey, Du Rabauke, was soll das? Das ist eine Unverschämtheit. Diese Jugendlichen von heute haben gar keine Manieren. Na, warte, wenn ich Dich erwische."
Wäre das nicht eine Reaktion, wie sie viele von uns erwarten oder selber zeigen würden?
Was passiert aber dann?
Der Junge läuft davon und Du bist möglicherweise überzeugt, dass er Dich ärgern wollte und das nur aus reiner Böswilligkeit gemacht hat.
Was Du nicht weißt, könnte sein:
Der Junge hat Angst vor Dir, dass Du ihn verprügeln könntest, denn Du hast ihm ja schon nicht näher genannte Dinge angedroht, falls Du ihn erwischen würdest.
Es tut ihm sehr leid, dass sein Ball in die falsche Richtung flog und diesen Schaden angerichtet hat, aber er sieht keine Möglichkeit mehr, irgend etwas gut zu machen.
Möglicherweise hat er auch Angst vor seinen Eltern, die ihn verprügeln würden, wenn sie jemals etwas davon erführen.
Du würdest Dich dadurch möglicherweise in Deiner Sicht bestätigt fühlen, dass Jugendliche grundsätzlich aggressiv, rücksichtslos und verantwortungsscheu sind.
(Ich unterstelle Dir das nur hier für dieses Rollenspiel, das weißt Du ja.)
Nun lass uns mal einen anderen möglichen Ablauf betrachten:
Der Ball zerschlägt Dein Fenster. Du erkennst, dass der Junge erst einmal ganz schockiert an der selben Stelle wie angewurzelt stehen bleibt. Dein Mitgefühl sagt Dir, dass es diesem Jungen wohl sehr peinlich ist, dass er Dein Fenster kaputt gemacht hat.
Lächelnd sagst Du zu ihm "Hey, dieser Ball ging aber in die falsche Richtung, was?".
Nun ist die Tür für den Jungen offen, der kann Dir sagen, dass es ein Versehen war und es ihm peinlich ist, dass er Dein Fenster kaputt gemacht hat.
Er bietet Dir an, den Schaden von seinem Taschengeld abzuzahlen und bittet Dich, nichts einen Eltern zu erzählen.
Ich kann schon die Stimmen hören, die beim Lesen dieser Zeilen murmeln "total unrealistisch", "ist ja wie aus einem Märchen", "das wird niemals passieren".
Wirklich?
Ich glaube, wir tun unsren Jugendlichen (nicht nur denen) ziemlich unrecht, wenn wir immer nur annehmen, dass sie Rabauken wären, wie wir es in Presseberichten der "Empörungsindustrie" ständig lesen können.
Was verlierst Du, wenn Du dem Jungen freundlich und ohne Wut entgegen trittst?Nichts, oder?
Was gewinnst Du?
Niemand kann Dir versprechen, dass es jedes mal so ablaufen wird, wie ich hier geschildert habe. Vielleicht rennt die Hälfte der Jugendlichen tatsächlich weg, weil sie schon vorher schlechte Erfahrungen mit den "bösen Erwachsenen" gesammelt haben.
Aber wenn nur jeder zweite eine ähnliche Reaktion zeigt, hast Du viel weniger Schaden und der Junge keine Angst mehr.
Mitgefühl hat also auch hier Vorteile, auch wenn es nicht wie ein Automat immer funktioniert.
Liebe Grüße
Eric
- Re: Mitgefühl kann auch Freude sein Nadja 17.04.2012 21:13 (0)