Gestörte Ruhe
Geschrieben von Stina am 21. Oktober 2010 15:12:33:
So wie einige andere von euch, habe auch ich einige Zeit überlegt, welche Erlebnisse aus meiner Kindheit nicht durch andere Erlebnisse negativ „überlagert“ sind.
Auch bei mir sind schöne Erlebnisse fast durchweg mit ganz viel Natur verbunden.
Ebenso die Assoziationen, die ich im Schwarzwald hatte:
Da war der staubige Feldweg mit den alten Obstbäumen am Feldrain und der Wiesenweg, der zum Wald führt - beides hat mich an die Wege in meiner Kindheit erinnert, die zum Wald führten. Im Spätsommer und Herbst sind wir (meine Mutter, meine Oma und ich) diese oft gegangen. Denn im Wald gab es ganz viele wunderschöne Pilze, die wir gesammelt haben.
Und der Blick über die Berge - er hat mich an den Blick aus unserem Küchenfenster erinnert. Oft habe ich dort gestanden und sehnsuchtsvoll hinausgeschaut. Mein Blick ging dann über den Park, den Rodelberg, die Flussaue bis zum gegenüberliegenden Flussufer. Da draußen, da gab es die schönen Erlebnisse …
Und eins davon möchte ich jetzt erzählen:Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Ich bin mit meinem Fahrrad zum Flussufer gefahren. Aber nicht zu irgendeinem, sondern zum Steilufer. Das war etwas Besonderes. Denn es war ein sehr steiles, felsiges Ufer. Vielleicht so 15 Meter hoch. Dort war die Natur noch fast unberührt und es gab auf engsten Raum die unterschiedlichste Vegetation – vom Trockenrasen bis zum sumpfigen Gebiet war alles vorhanden. Dort gab es auch einige Seitentäler, in denen sich kleine Bäche mit kristallklarem Wasser zum Fluss hin schlängelten. Die Hänge dieser Täler waren nicht ganz so steil und felsig, dafür mit großen alten Bäumen bewachsen. Im Frühjahr war es besonders schön dort.
Am Steilufer angekommen legte ich mein Fahrrad am oberen Rand ab und ging zu Fuß weiter, hin zu einem der Seitentäler.
Die Sonne blinzelte durch die Äste der Bäume. Es war still. Nur der Bach plätscherte leise vor sich hin und die Vögel zwitscherten ihr Frühlingslied. Sanft streichelte der Wind meine Haut. Am Hang blühten die unterschiedlichsten Blumen – Lerchensporn, Veilchen, Scharbockskraut, Buschwindröschen, Lungenkraut, Sauerklee. Es war ein wunderschöner bunter Blütenteppich. Zwischen den einzelnen Blüten flogen emsig die Bienen hin und her und ab und zu war auch schon ein Schmetterling zu entdecken. Es war fantastisch.
Langsam und vorsichtig kletterte ich den steilen Hang hinab, um zum Flussufer zu gelangen.
Doch was war das?!? Plötzlich schnaufte und platschte etwas ganz laut im Fluss. Es klang fast wie das Schaufelrad eines Raddampfers. Doch solche Schiffe fuhren nicht auf diesem Fluss. Da war ich mir ganz sicher.
Neugierig schlich ich weiter in Richtung Ufer und späte durch die Zweige eines Busches.
Da habe ich sie im Wasser entdeckt … drei Rehe, die durch den Fluss schwammen. Nur die Köpfe waren zu sehen, aber ihr Schnaufen und die Schwimmbewegungen waren ganz deutlich zu hören. Am gegenüberliegenden Ufer angekommen, kletterten sie behände aus dem Wasser und liefen davon.
Sicher waren sie auf der Flucht vor mir. Denn woher sollten sie wissen, dass die, die da gerade in ihr Revier eindrang, „Freund“ und nicht „Feind“ war?
Bei meinen künftigen Ausflügen zum Steilufer war ich dann noch vorsichtiger. Und so konnte ich sie beobachten, ohne sie aufzuschrecken und zur Flucht zu treiben. Die drei Rehe sind nie wieder durch den Fluss geschwommen, aber gesehen habe ich sie noch oft.