Re: Der Unterschied zwischen Wissen und Erleben (kann triggern!)
Geschrieben von Tia am 08. August 2010 19:16:05:
Als Antwort auf: Der Unterschied zwischen Wissen und Erleben geschrieben von Eric am 06. August 2010 15:40:27:
Lieber Eric,
ich habe mich selbst schon lange Zeit mit genau dieser Frage beschäftigt. Es gibt so vieles was ich heute weiß und dennoch nie geschaft habe selbst zu erfahren. Was bleibt sind die alten "schlechten" Erfahrungen.Geändert hat sich daran erst etwas, nachdem ich das Buch „Ich traue meiner Wahrnehmung: Sexueller und emotionaler Missbrauch“ von Heinz-Peter Röhr gelesen hatte.
Der Gedanke daran Nähe zuzulassen (auch und im besonderen körperliche Nähe) und somit auch nicht mehr die vollständige Kontrolle zu haben, hat mich seither so in Panik versetzt, dass ich es nicht mal fertig gebracht habe mit jemanden auszugehen und ihn kennen zu lernen. Auch kam mir immer der Gedanken, dass ein potentieller Partner gar nicht wirklich Interesse an mir als Person hat, sondern mich nur ausnutzen will, was meiner Erfahrung nach ja auch gestimmt hat.
Andererseits habe ich wirklich eine ausgezeichnete Menschkenntnis. So eine Art inneren Detektor, der mir sofort sagt, was ich für einen Menschen vor mir habe und bis heute habe ich mich noch nie dabei getäuscht. Röhr schreibt Menschen mit einer Missbrauchserfahrung haben die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch der eigentlich auf ein Kind achten und es beschützen soll es für seine Zwecke benutzt. Dieser unvereinbare Wiederspruch macht es einem Überlebenden dann nachher auch so schwer den eigenen Gefühlen zu glauben und er muß erst wieder lernen seiner eigenen Wahrnehmung zu trauen.
Die Lektüre von Röhr hat mich nun zum Nachdenken gebracht: Wenn ich einerseits sobald ich einem Menschen begegne eigentlich sofort weiß ob ich ihm / ihr vertrauen kann oder nicht, warum lasse ich dann andererseits in bestimmten Situationen die Panik mein Handeln bestimmen, die doch auf einer längst vergangenen Erfahrung beruht? Als ich dann das nächste Mal von einem Mann um ein Date gebeten wurde habe ich also, den Satz von Röhr im Hinterkopf, versucht meiner Wahrnehmung zu trauen. Ich habe in mich hinein gehorcht und mich gefragt, welche Gefühle habe ich jetzt in dieser Situation diesem Mann gegenüber wirklich? Dabei habe ich gemerkt, dass ich weder Angst noch Panik verspürte, sondern mich einfach nur sicher und wohl gefühlt habe. Ich habe mich also auf diese "Abenteur" eingelassen und dabei ein paar wunderschöne, neue Erfahrungen gemacht, von denen ich nie geglaubt hätte sie erleben zu können!
Ich bin nun also nicht nur um einige positive Erfahrungen reicher geworden, sondern habe auch erfahren, dass indem ich versuche wirklich in mich hineinzuhorchen ich mein Wissen anwenden kann um daraus Erfahrungen werden zu lassen.
Herzlichst Tia
- Re: Der Unterschied zwischen Wissen und Erleben (kann triggern!) Eric 08.08.2010 22:36 (0)