Re: Beziehungen

Geschrieben von Eric am 20. Juni 2009 21:34:34:

Als Antwort auf: Re: Beziehungen geschrieben von Joke am 20. Juni 2009 17:35:52:

Liebe Joke,

das ist für mich gut nachvollziehbar wie schwierig es ist da raus zu kommen, obwohl Dir bewusst ist, was abläuft. Denn da stecken noch weitere Mechanismen und Sichtweisen dahinter, die sehr subtil sind und wohl den meisten Menschen nicht bewusst.

Es gibt Menschen, die in zwei ganz unterschiedlichen Welten leben und eine grundverschiedene Sichtweise auf ihre Umgebung und die meisten Dinge haben, auch wenn sie vielleicht Tür an Tür wohnen. Die einen sind die, die an "Macht" glauben. Die anderen tun das nicht.

Als Ursache sehe ich das im persönlichen Verhältnis zu anderen Menschen empfundene "Machtgefälle", das sich auf alle Bereiche der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Lebens überträgt. Dabei hat das in sich bis zu einem bestimmten Grad schon eine gewisse Logik, auch wenn es insgesamt nicht weit trägt, wie man an Menschen wie George W. Bush sehen kann.

Auch im Journalismus tritt dies manchmal überdeutlich zu Tage. Vor ein paar Monaten gab es beispielsweise einen Bericht auf www.tagesschau.de wo geschrieben wurde, der Papst hätte zum Kampf gegen Intoleranz und Gewalt aufgerufen. Ich schrieb eine E-Mail an die Redaktion um nachzufragen ob er wirklich zum Kampf gegen den Kampf, zur Gewalt gegen die Gewalt aufgerufen hätte, weil das ja einen Widerspruch in sich darstellt. Wäre dem so, so müssten Menschen ja erkennen, dass sie genau das tun, weswegen sie die anderen bekämpfen. Um das zu verhindern, wird ein weiteres gedankliches Konstrukt eingeführt: der jeweils anderen wird als "böse", aber er selber als "gut" klassifiziert. Der Kampf, die Gewalt des "Guten" wäre demzufolge also gerechtfertigt, die des "Bösen" verwerflich. Nur wissen wir ja alle, dass für Außenstehende in solchen Konflikten diese künstliche Unterscheidung, wer "gut" und wer "böse" ist, gar nicht ersichtlich ist, weil sie rein willkürlich getroffen wurde. Daher sieht der "Böse" sich selber ja als der "Gute" und den anderen als den "Bösen". zwinker

Ich erhielt übrigens nie eine Antwort aus der hervorgegangen wäre, ob er Papst das wirklich gesagt hat oder ob der Journalist, der über seine Rede berichtet hatte, das in seine eigene, vom Glauben an "Macht" geprägte Wahrnehmungswelt übertragen hatte.

Ein weiteres, oft gehörtes Beispiel der Absurdität dieses "Machtglaubens" ist der oft gehörte "Kampf gegen die Arbeitslosigkeit". Wie kann man etwas bekämpfen, dessen Wesen es ist, dass eben nichts da ist? Das Nichts bekämpfen? Es erscheint mir daher nicht weiter verwunderlich, dass Bemühungen aus diesem Blickwinkel des "Machtglaubens" heraus nicht viel Aussicht auf Erfolge haben können.

Die andere Sichtweise ist die, sich erstmal zu fragen, mit welchem Recht denn andere irgendwelche Erwartungen an mich selber haben. Und mit welchem Recht ich an andere. Es ist genau das, was uns oft als Selbstverständlichkeit eingetrichtert wurde, aber in Wirklichkeit ist das eine Perversion. Niemand ist dazu da, die Erwartungen eines anderen zu erfüllen. Punkt.

Das ist einer der vielen Bausteine die herausführen aus der engen, starren Sicht der "Macht", hin zu einer Sicht, die Dir Deine Handlungsmöglichkeiten klar macht und Dir die Chance bietet, diese zu nutzen.

Und die es Dir ermöglicht, einfach nur zu grüßen, wenn Dir Angela Merkel auf der Straße begegnet. Und dann ganz normal an ihr vorbei zu gehen. Vorbei an einem Menschen genau wie Du selber einer bist.

Liebe Grüsse

Eric



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