Re: ***triggergefahr***
Geschrieben von Nimis am 09. November 2008 10:00:05:
Als Antwort auf: Re: Loslösung von den Eltern ***triggergefahr*** geschrieben von gummientchen am 08. November 2008 16:39:19:
Liebes Gummientchen,
gut, dass Du auf Dich aufpasst. Ich wünsch Dir viel Kraft für das, was vor Dir liegt.
Meine Geschichte, also wo fang ich da an und wird es nicht zuviel? Ich versuch es mal... es wird lang werden. Das Gute an dieser Art des Erzählens ist ja, dass Du Dir nicht alles "anhören" musst, Du kannst einfach zwischendrin aufhören zu lesen, das ist gut.
Meine Mutter war 18 als ich geboren wurde. Mein Vater und sie waren gerade frisch verheiratet, damit sie von ihren Eltern wegkonnte. Er war verrückt nach ihr, sie war verrückt nach dem wilden Leben, nach Alkohol und nach allen Männern. Als sie schwanger wurde, war das für meinen Vater das Größte, für meine Mutter eine Katastrophe. "Du hast mir mein ganzes Leben versaut" wurde später zu einem ihrer Lieblingsvorwürfe. Erstmal hat sie aber alles versucht, mich loszuwerden... Alkohol getrunken ohne Ende, sich die Treppe runterfallen lassen, ... Hat aber alles nix genützt, ich war schon immer stur ;o)
Die Eltern meines Vaters waren ganz aus dem Häuschen, haben sich um meine Mutter gekümmert und vor allem meine Oma war ganz verliebt in mich, weil sie sich immer ein Mädchen gewünscht hatte und selbst "nur" so nen Flegel (mein Vater war echt schlimm als Kind) bekommen hatte. Also riss meine Oma mich nach meiner Geburt an sich. Meiner Mutter war es einerseits recht, so konnte sie weiter feiern gehen. Mein Vater musste zur Armee und bekam nix mit. Zwischendurch gab es immer wieder Streitereien, in denen meine Mutter mich holte und sich beschwerte, meine Großeltern würden mich ihr wegnehmen. Nach einem Jahr Hin und Her kam mein Vater zurück und bestand darauf, dass meine Mutter sich allein kümmert. Er bekam dann so langsam mit, dass sie ihn betrogen hatte, sobald er ihr den Rücken zudrehte und wollte, dass sie sich ändert. Sie versprach das. Vor lauter Ärger und Verzweiflung fing mein Vater dann auch noch mit dem Trinken an bzw. wurde das immer schlimmer und es kam auch öfter mal zu Handgreiflichkeiten. Meine Mutter versuchte sich auch immer mal wieder umzubringen und ich musste manchmal helfen. Mein Vater war außer sich, konnte aber nix machen.
So etwa als ich drei oder vier war, ich weiß es nicht genau, aber meine Schwester war noch nicht geboren, fing der MB durch meinen Gr*ßv*t*r mütterlicherseits, auch Alkoholoker und gewalttätig, an.
Als ich vier war, wurde meine Schwester geboren. Meine Mutter war überglücklich, hatte das geplant und sich auch ein Mädchen gewünscht (eins für sich allein, wie sie sagte). Nach dem Urlaub, in dem sie entstand (meine Mutter hatte die Pille abgesetzt ohne meinem Vater was zu sagen), hatte sie die Scheidung eingereicht. Mein Vater blieb aber bei uns wohnen, "zusammen" mit dem neuen Lover meiner Mutter, weil es so schwer war damals, eine Wohnung zu kriegen. Heiße Zeit, viel Lärm, viel Alkohol, viel Gewalt.
Irgendwann flog dann mal auf, was mein Gr*ßv*t*r mit mir trieb, weil meine "andere" Oma mich solange ausquetschte, was denn mit mir los sei bis ich es ihr erzählte. Sie erzählte es meiner Mutter, die soll gesagt haben "Na und?! Das hat der mit uns auch gemacht". Dann erzählte die Oma es meinem Vater, der wutentbrannt zu den Eltern meiner Mutter lief... wo dann der "Familienrat" einberufen wurde (so wurde es mir erzählt). Meine Mutter hat noch drei Geschwister und die waren wohl auch alle dabei. Man einigte sich darauf, dass mein Vater nicht zur Polizei gehen sollte, wenn der Gr*ßv*t*r versprechen würde, dass es nie wieder vorkommt. Er sei ja auch "krank" usw. Meine Mutter übernahm die Aufgabe, mit ihm zu reden. An diese Situation kann ich mich ganz genau erinnern. Sie ging mit mir und meiner Schwester, die grad sitzen konnte, in den Garten und redete mit ihrem Vater wie mit einem kleinen traurigen Kind. Sie war so liebevoll zu ihm und mich starrte sie nur immer hasserfüllt an. Sagte auch, es sei meine Schuld, ich hätte ihn dazu gebracht, ich sei eine dr*ck*ge Schl*mpe... Jedenfalls versprach er natürlich alles ganz reumütig. Aufgehört hat er nie. Nur ich hab aufgehört irgendjemandem was zu sagen, war freundlich und nett zu allen...
Als ich sechs oder sieben war, heiratete meine Mutter wieder, verbot mir den Kontakt zu meinem Vater und seiner Familie (also sie sagte: "Du kannst da ruhig hingehen, aber dann brauchst Du nie wieder zurück zu kommen" und sowas) und als ich knapp acht war wurde mein Bruder geboren. Wir zogen dann in eine andere Stadt, sodass ich nur an wenigen Tagen im Jahr oder in den Ferien manchmal noch dem MB ausgesetzt war.
Allerdings konnte ich mich gegen den Vater meines Stiefvaters auch nicht wehren... und auch nicht gegen den Opa einer Freundin, der in unserem Haus wohnte. Und mindestens einmal nachts, als mein Stiefvater betrunken in mein Zimmer kam...
Als ich 12 war, hatte ich nochmal kurze Zeit Kontakt zu meinem Vater, weil der das über das Jugendamt erreichen konnte. Mit 12 wurden damals die Kinder auch mal gefragt, ob sie Kontakt wollen und bei wem sie leben wollen. Was ich zuhause erleiden musste, wenn ich von meinem Vater und seiner Familie zurückkam, war echt nicht schön. Ich musste an der Wohnungstür alle meine Sachen ausziehen
und meine Mutter sagte immer "Eigentlich müsste man die verbrennen". Dann musste ich mich "sauber"schrubben und manchmal hat sie erstmal tagelang nicht mit mir geredet. Meine Geschwister durfte ich erst recht nicht anfassen, was aber sonst auch die Regel war. Und reden durfte ich mit ihnen nur manchmal. Meine Mutter meinte, ich hätte einen schlechten Einfluss auf sie.Ich entschied mich dann auch noch, zu meinem Vater zu ziehen. Meine Mutter und mein Stiefvater waren abwechselnd offen erleichtert, mich loszuwerden und dann aber wieder "tief verletzt", wie ich "der Familie" sowas antun könnte... Letztendlich habe ich im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Mein Vater hatte schon alles geregelt mit Ummeldung, Schule usw. Aber ich wollte nicht, dass meine Mutter mich nie wieder zu meinen Geschwistern lässt. Ich dachte, ich müsste sie "beschützen" und dann dachte ich auch irgendwie, wenn ich DAS jetzt mache, würde sie sehen, wie sehr ich sie liebe und das würde alles ändern. Sie würde mich endlich ansehen, wie sie ihre anderen beiden Kinder ansieht. Sie würde mich in den Arm nehmen und sich in mich "verlieben"...
Naja, wie Du Dir vorstellen kannst, ist das natürlich nicht passiert. Sie hasste mich weiter, der Alkohol zerfraß ihr dazu noch das Hirn und sie ignorierte mich oder brüllte, prügelte und demütigte mich. So ging das jahrelang.
Versuche, LehrerInnen zu Hilfe zu holen, scheiterten daran, dass meine Mutter sie alle einwickelte, wenn sie mit ihr sprachen. Und nach den Gesprächen waren sie überzeugt davon, dass ich ein "schwieriges Kind" sei, lügen und betrügen und meiner Mutter das Leben zur Hölle machen würde. Zwischendurch war ich auch mal bei der Schulpsychologin (1x), die mir erklärte, wahrscheinlich meinte meine Mutter das alles nicht so und wenn wir zusammen mit ihr reden würden, würde alles gut werden. Da hab ich dann aufgegeben. Hab mich auf die Schule konzentriert und gehofft, dass freie Nachmittage und Wochenenden nur schnell vorbeigingen, damit ich von zuhause weg war.Erst spät, so in der neunten Klasse habe ich meinen Klassenlehrer vorsichtig eingeweiht, weil ich irgendwie begründen musste, warum ich nicht mit zur Abschlussfahrt kann, ohne dass er dann versuchen würde, mit meinen Eltern zu reden. Und der hat mir geglaubt! Und hat MICH gefragt, was ich glaube, was er machen kann, ob er helfen kann. Er traf sich mit meiner Mutter und erzählte mir danach davon... Er fragte mich, ob sie betrunken gewesen sei und gab dann zu, er hätte das nicht bemerkt. Er hat mich auch ein paarmal aus blöden Situationen in der Klasse gerettet.
Kurz vor meinem 17. Geburtstag fand meine Mutter mein Tagebuch. Ich hatte es bis dahin gut verstecken können, obwohl sie in unregelmäßigen Abständen jeden Winkel meines Zimmers durchsuchte und nichts vor ihr sicher war, sodass ich nie wusste, welches Chaos, welche Stimmung, welche Strafe mich zuhause erwarten würde. Nur hatte mein Bruder mich mal "erwischt" dabei, wie ich das Buch unter die Matratze schob und als sie mal wieder so in meinem Zimmer rumwütete als ich in der Schule war, wollte er, dass sie aufhört und hat ihr gesagt, wo sie suchen soll...
Was mich zuhause erwartete war unheimliche Stille und das Gefühl, ein solches Gewitter wie das was da kommen würde, nicht überleben zu werden. Die ganze Nacht lag ich wach und steif im Bett, gelähmt vor Angst. Das war nichts besonderes, so ging es mir oft, aber diesmal dauerte es so lange bis sie anfing, mich zu bestrafen... Manchmal platzte sie dann einfach nachts rein, prügelte auf mich ein, zerrte mich an den Haaren aus dem Bett und trampelte auf mich los, ließ mich Stunden im Flur in der Ecke stehen oder sperrte mich im Keller ein. Was diesmal sein würde, konnte ich mir nicht vorstellen. Diese Warterei kann echt verrückt machen. Sie kam aber nicht in dieser Nacht.Der Morgen fing normal an, meine Geschwister und ich frühstückten getrennt, ich durfte nicht reden... Fragte dann, ob ich nach der Schule was erledigen soll, worauf meine Mutter (mit dem Schnaps im Wasserglas in der Hand) sagte: "Du brauchst für mich überhaupt nichts mehr zu machen". Sie prophezeite dann noch, dass wir später was zu "besprechen" hätten und bevor ich das Haus verließ, meinte sie "Meinetwegen brauchst Du nicht wiederzukommen". Alles keine neuen Sätze, das war ich gewöhnt. Und doch...
Ich war an dem Tag wie tot. Ich lieh mir Geld von meiner besten Freundin, ging in der Pause zum Bahnhof und kaufte eine Fahrkarte nach dorthin, wo ich wusste, wo mein Vater mal gelebt hatte. Ich ging den ganzen Tag zur Schule, mehr tot als lebendig. Und nach der letzten Stunde stieg ich in den Zug. Die ganze Zeit dachte ich, alle würden mich beobachten, jede und jeder wüsste, was ich hier tue, meine Mutter hätte alle informiert...
Ok, das ist schon so viel Text, jetzt mal verkürzt: Ich fand meinen Vater, er und seine Frau nahmen mich auf. Meine Mutter terrorisierte mich noch ne Weile übers Telefon, rief auch in der neuen Schule an und so... Aber ich habe diesmal keinen Rückzieher gemacht. Es brach mir das Herz, meine Geschwister zu verlieren und ich kann auch heute noch nicht drüber reden, obwohl es zehn Jahre her ist.
Ich hab mein Abi gemacht, bin dann ausgezogen, wieder in eine andere Stadt, hab studiert, abgebrochen, eine Ausbildung gemacht und bin nach der Ausbildung nochmal viel weiter weg von allen gezogen, wo ich jetzt allein lebe und versuche, klarzukommen.
Während meiner zwei letzten Schuljahre hatte ich zwar Kontakt zur Familie meiner Mutter, weil sie mich alle sehr nett wieder aufgenommen haben, aber irgendwann fiel mir auf, dass es für mich schwer ist, Menschen zu vertrauen, die nach allem, was passiert ist, immernoch guten Kontakt zu meiner Mutter haben und sogar finden "Das ist doch jetzt alles vorbei, vielleicht trefft Ihr Euch ja mal und sprecht Euch aus."Seit ich hier lebe, so weit weg und mein eigenes Leben gefunden habe, wird mir Vieles immer klarer. Zu meinem Vater ist der Kontakt (der sehr gut war!) leider wieder abgebrochen, weil er nicht damit klarkommt, dass ich mich geoutet habe und seit zweieinhalb Jahren mit einer Frau zusammen bin, die "auch noch" einiges älter ist als ich.
Ich mache seit anderthalb Jahren Therapie, was total anstrengend ist und ich hab immer das Gefühl, ich bin zu langsam... die Stunden, die die Kasse bezahlt, sind bald rum und ich fühl mich aber eher so als würde ich gerade erst anfangen.
Ich habe für mich rausgefunden, dass es mir viel besser geht, wenn ich keinen Kontakt zu anderen habe, als wenn Situationen so ungeklärt und verworren sind wie in meiner Familie. Da kommt keine/r ohne das ständige Kreisen um die Schuldfrage aus und alle Beziehungen untereinander und zueinander scheinen nur auf schlechtem Gewissen, Schuldgefühlen und Pflichtgefühl oder "familiärem Verantwortungsbewusstsein" zu beruhen. Das hat mich unglaublich eingeengt und angestrengt.
So. Jetzt weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt auf Deine Frage geantwortet hab... Vielleicht ist das sowieso zuviel Text und wird gar nicht angenommen, hihi.
Ich muss jetzt jedenfalls aufhören und was anderes machen. Entschuldige den wortreichen Überfall.
Liebe Grüße
Nimis
- Re: ***triggergefahr*** gummientchen 15.11.2008 19:34 (0)