Für Dagmar
Geschrieben von Ralf Graner am 04. März 2011 18:17:56:
Dies betrifft meine ganz persönliche Trauer um einen geliebten Menschen.
Mir liegt es fern irgendetwas aufzurühren - Trauer ist für jeden etwas höchstpersönliches.
Ich schreibe hier, weil es der für mich beste Ort ist, um an Dagmar zu denken.
Fluch und Chance
-Über Leben und Überleben-für Dagmar
So lange war ich nicht mehr hier.
So lange habe ich nichts mehr geschrieben, weder hier noch überhaupt.
So lange, dass die Welt sich ohne Dich weiterdreht.
So lange war ich sprachlos.
So lange unfähig zu trauern.Und endlich spüre ich den Schmerz.
Endlich kann ich wieder weinen.
Tränen, die gut tun.
Tränen, die so wertvoll sind - wie unsere Begegnung.
So lange habe ich gebraucht, um zu verstehen.
Um Dich zu verstehen.
Wütend war ich nie.
Dafür bin ich selbst zu viele Tode gestorben.
Beneidet habe ich Dich desöfteren.
Gerade weil ich sehr wohl weiss, dass ich zum Überleben verdammt bin.
Der Fluch und die Chance des Überlebenden.Du fehlst mir nicht. Deine Präsenz ist viel zu stark.
Wie damals, als ich in Deiner Wohnung war, um ein paar Bücher zu holen.
Du warst gar nicht da, ich hatte noch einen Schlüssel.
Ein offener Wein und ein Glas im Regal.
Und der Moselwein hat sogar mir, dem trockenen Franken geschmeckt.
Nur eine dieser Unmöglichkeiten, die Du geschafft hast.
Die wir geschafft haben.
Die Tote Puppe – die so oft gestorben ist.
Mir fällt kaum ein besseres Beispiel für Leben ein.
Denn es gibt sie doch – diese ganz besonderen Menschen.
Diese ganz besonderen Begegnungen.
Und Von einem Tag zum anderen – ist einfach alles anders.
Der Fluch und die Chance des Überlebenden.Ich frage mich heute, was für eine Beziehung wir eigentlich hatten.
Und merke, dass es gar nichts zur Sache tut.
Du warst einfach da, bist einfach in mein Leben getreten.
Und der Rest ist Geschichte.
Eine ganz besondere Geschichte.
Mein erstes Buch zu unserem Thema enthält Deine Geschichte.
Es war das einzige Buch zum Thema in einer Würzburger Buchhandlung.
Die Tote Puppe auf dem Umschlag.
Deine Geschichte als letzte.
Mit einer Internetadresse für die ich mir meinen ersten Computer gekauft habe.
Die Adresse existierte gar nicht mehr, in einer Zeit als es noch kein Google gab.
In einem Buch, das es gar nicht mehr geben durfte, weil es vom Markt genommen wurde, wie ich später von Dir erfahren habe.
Aus irgendwelchen Gründen habe ich Deine Geschichte nie gelesen.
Erst Jahre später, als Du mich darum gebeten hast.
Unbewusster Respekt und Achtung, als wir uns noch gar nicht kannten.
Du hast mir meinen Weg gezeigt, als ich noch keine Ahnung hatte.
In der einzigen Fernsehsendung, von der Du keinen Mitschnitt hattest.
Du hast meinen ersten Artikel auf die Homepage gestellt, als ich mich noch fragte, ob überhaupt irgendwer meine Texte liest.
Mein Kommentar in meiner Linkliste zu Deiner Autoren-Seite bewegte Dich damals dazu, die Seite nicht vom Netz zu nehmen. Dafür danke ich mir selbst heute noch.
Mein Bewerbungsgespräch für die Seelenhilfe war eine Geburtstagsfeier.
Als ich Dich um Asyl für die Nacht gebeten habe, hast Du mich als Deine Vertretung ins Büro gesetzt und hast Dir einen Film im Kino gegönnt.
Wie tief können sich zwei Menschen verstehen?
Wie blind können sich zwei Menschen vertrauen?
Der Fluch und die Chance des Überlebenden.Wir haben nie gemeinsam gearbeitet.
Und doch so viel zusammen gearbeitet.
Für eine Freundschaft haben wir zuviel über die Arbeit gesprochen.
Für einen Arbeits-Kollegen haben wir uns zu sehr gegenseitig fallen lassen können.
Für einen Therapeuten sind wir uns zu sehr auf Augenhöhe begegnet.
So sehr war unsere Sichtweise eins, dass wir uns eigentlich viel zu selten gesehen haben.
Du bist mir nie eine Antwort schuldig geblieben.
So sehr weiss ich die Antwort regelmässig selbst.
So hast Du mir nie gefehlt.
So fehlst Du mir auch heute nicht.
Viel zu gut kann ich Dich verstehen.
Du hattest Deine Chance.
Und Du hast sie genutzt.
Du hast Deine Arbeit getan.
Du hast Dein Werk vollbracht.
Du hast der Welt so viel gegeben.
Du hast so viel Wunderbares hinterlassen.
Der Fluch und die Chance des Überlebenden.Du fehlst mir nicht.
Aber ich vermisse Dich.
Liebe Dagmar, ich vermisse Dich so sehr!
Himmel, ich vermisse Dich, dass es wehtut.
Es ist dieser wunderbare Schmerz der Heilung.
Der Schmerz, der mir zeigt, dass ich lebe.
Wieder einmal habe ich überlebt.
Wie so oft.
Wie immer.
So übe ich weiter zu leben.
Der Fluch und die Chance…When all is sa(i)d and done
in Liebe
Ralf
- Re: Für Dagmar Eric 05.03.2011 19:27 (0)
- Re: Für Dagmar TchorT 05.03.2011 17:11 (0)
- Re: Für Dagmar Claudia 04.03.2011 23:16 (0)
- Re: Für Dagmar sometimes 04.03.2011 21:37 (0)