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Selbstverletzendes Verhalten



Ich kann nicht mehr zählen, wie viele aufgeritzte und zerschnittene Arme ich gesehen habe bei Menschen, die zu mir zum Gespräch kamen, aber nicht nur das.

Eine junge hübsche Frau saß mir gegenüber. Sie war als Kind missbraucht und gequält worden und sie erzählte mir, dass sie sich manchmal schneidet.
Ohne ?Vorwarnung? stand sie auf und streifte langsam und wortlos ihre Hose nach unten.
Ihre Beine waren von oben bis unten mit 20- 30 cm langen Narben gezeichnet, teilweise noch rot oder dickgeschwollen, ein Schnitt war sogar genäht worden.
Warum tat sie das?
?Es bringt mir Erleichterung, kurze Erleichterung, wenn das Blut fließt, nimmt mir den schlimmsten Druck?

Eine andere Frau erzählte mir, dass sie ihren Kopf gegen die Wand schlägt, immer und immer wieder. ?Wenn ich den innerlichen Schmerz nicht mehr aushalte, leite ich ihn um?

Ein Mädchen beißt sich regelmäßig die ganze Mundschleimhaut und die Lippen blutig.
?Das lenkt mich ab? sagte sie.
Manchmal drückt sie auch Zigaretten auf ihrer Haut aus.

Ein Mann, knapp 50, war als Junge auf vielfältige weise und durch mehrere Täter und Täterinnen missbraucht worden, hatte sich selbst all seine Zähne abgesägt.
?Ich suchte einen schlimmeren Schmerz als den in mir drin?

Ein ganz junger Mann schlief nur auf dem harten Fußboden, war überall grün und blau.
?Hilft gegen Albträume?

Und ein Überlebender zeigte mir seine abgebissenen Fingerkuppen... wusste nicht, wieso er das tat.

Und wie ist es mit der Frau, die sich, wenn auch unbewußt, immer wieder einen gewalttätigen Partner sucht, der sie stellvertretend (für sie selbst) prügelt, quält, verletzt?

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Selbstverletzendes Verhalten beruht aber weder auf einen Zerstörungsversuch noch auf Aggression. Der Begriff beschreibt einfach ein Verhalten, das eine physische Verletzung des eigenen Körpers schafft.
Die Schädigungen umfassen alle Verletzungsgrade, können durchaus lebensgefährlich sein.

Wir unterscheiden ein reaktives selbstverletzendes Verhalten, das im direkten Bezug zu Umweltereignissen steht (z.B. aus Protest, Weigerung, Provokation) und ein automatisiertes selbstverletzendes Verhalten, das offenbar unabhängig von äußeren Einflüssen ist, sondern durch innere Ereignisse ausgelöst wird. Selbstverletzungen können z.B. ein komplexer Versuch sein, mit Trauma- Erfahrungen umzugehen.
Das Verhalten ist dann der neurobiologischen Ebene zuzuordnen und hat eine steuernde und regulierende Funktion, ist für den betroffenen Menschen allerdings nicht mehr wirklich kontrollierbar.



Die Umwelt verwechselt leider SSV allzu häufig mit Suizidversuchen, dabei ist es genau das Gegenteil, nämlich ein Versuch zu überleben , die emotionale Pein nach außen zu transportieren um dort die Kontrolle darüber zu erlangen.

Viele Beweggründe können sich hinter einem solchen Verhalten verbergen.
Nicht selten stellen die selbst zugefügten Verletzungen eine Art Wiederholung dar, Menschen verletzen sich in derselben weise , wie sie als Kind verletzt wurden, auch wenn sie sich möglicherweise daran gar nicht bewusst erinnern.
Diese Wiederholung ist eine Möglichkeit der unbewussten Mitteilung gespeicherter traumatischer Erlebnisse.
SSV gibt manchen, deren Seele gemordet wurde, die Möglichkeit, sich des Lebens zu vergewissern. ?Ich blute, also lebe ich ?.
SSV kann bei Menschen mit dissoziativen Störungen den Zugang zu einem anderen Persönlichkeitsanteil erleichtern, der gerade über mehr Reserven verfügt oder auch, um sich stärker mit der Gegenwart zu verhaften.
Opfer von rituellem Missbrauch wurden häufig auf SSV programmiert, so schützen sich die Täter!

Heilung kann nur geschehen, wenn nichtschädigende Alternativen zur Überlebensstrategie des SSV gefunden werden und neue Wege, wie sich ein Sicherheitsgefühl herstellen lässt.
Häufig entwickeln sich neue Möglichkeiten, wenn der mutige Blick auf die Wunden und die Gefühle der Vergangenheit gerichtet wird und diese alten Wunden heilen können, wenn der Umgang mit Gefühlen erprobt wird und nicht mehr sinnlos versucht wird, Bedürfnisse der Vergangenheit, sondern die der Gegenwart zu erfüllen.
Klingt fast einfach ? ist es aber natürlich ganz und gar nicht.
Wer lässt schon einen rettenden Strohhalm los, wenn nichts anderes greifbar ist?
Aber, es ist zu schaffen, sich ein sicheres Floß zu bauen und den Strohhalm des selbstverletzenden Verhaltens überflüssig werden zu lassen!



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