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Hospitalismus (Deprivation)



entsteht durch extremen Mangel an körperlicher und emotionaler Zuwendung

Sind die frühkindlichen Lebenserfahrungen in erster Linie negativ geprägt, so entwickelt sich statt eines Urvertrauens ein Urmißtrauen gegenüber der sozialen Umwelt.
Einen bedauerlichen Beweis für die verhängnisvollen Auswirkungen von Entwicklungsbedingungen, die weit von den optimalen Verhältnissen entfernt sind, liefern uns Säuglings- und Kinderheime. Das Fehlen einer Dauerbezugsperson mit allen seinen Konsequenzen führt zu einem breiten Spektrum an seelischen Störungen und Fehlentwicklungen, das als Hospitalismussyndrom in der Literatur bekannt geworden Ist. Permanente Mutterentbehrung bzw. fehlender ebenbürtiger Ersatz bewirkt in Extremfällen einen totalen physischen und psychischen Verfall (Marasmus): das "Greisenalter" wird schon im ersten Lebensjahrzehnt erreicht.
Wenn es überhaupt bei ständig wechselnden Pflegepersonen zu Bindungen kommt, so sind diese meist von aggressions- und angstdurchsetztem Charakter. Sozialkontakt wird aufgrund vieler negativer Erfahrungen (Disziplinierungsmaßnahmen etc.) als bedrohlich empfunden.
Hospitalismus muß allerdings nicht zwangsläufig nur in Institutionen vorkommen, sondern wurde auch in Ursprungsfamilien von Kindern festgestellt, vor allem bei überforderten und ablehnenden Müttern und Trennung von der Mutter.

Sämtliche Untersuchungen auf dem Gebiet der Kindheitsforschung stellten zwei Hauptursachen für Hospitalismus heraus:
  1. Mangel an Reizen für geistige Betätigung sowie
  2. Ungenügende persönliche Zuwendung, Abwesenheit oder Trennung von der Mutter

Es gibt drei verschiedene Arten der Muttertrennung:
  1. die völlige
  2. die zeitweise
  3. die Form der Trennung, bei der die Mutterfigur häufig wechselt und es von daher schwer ist für ein Kind, ein emotionales Band zu knüpfen.

Eine besonders tiefe Schädigung entsteht bei einer guten Mutter- Kind- Beziehung, da der Wegfall einer deprivierenden und mangelhaften Beziehung nicht als irreperabler Verlust empfunden wird und die Mutter positiv zu ersetzen ist.

Unumstritten ist also, wie wichtig eine gesunde, harmonische und liebevolle Entwicklung eines Kindes in den ersten Lebensmonaten ist.
Hospitalisierte Kinder aber bleiben in der Entwicklung stark zurück, sind häufig kaum fähig, zu sprechen oder zu laufen, haben große Angst vor unbelebten Gegenständen, sind ablehnend, aber durchaus auch überfreundlich zu allen ...

Symptome des psychischen Hospitalismus


  • Muskelzuckungen, stereotype automatenhafte Körperbewegungen
  • Hände und Füße können in besondere Stellungen gebracht werden (oft bleiben Hände und Füße in dieser Stellung)
  • wird schon im zweiten Lebensjahr deutlich sichtbar
  • emotionale Fehlpolungen: Ablehnung gegen Eltern und Pflegepersonal
  • Ratlosigkeit, Resignation (sehen keinen Sinn mehr im Leben), Apathie, Gewichtsverlust, kann bis zum Tode führen

Eine gestörte Entwicklung beeinträchtigt einen Menschen sein ganzes Leben.

Viele der so vernachlässigten Kinder zeigten auch Jahre später ein gehemmt- depressives Syndrom mit Symptomen wie Schlafstörungen, gehemmten Aggressionen und Aktivitäten, Sprachstörungen, Ängstlichkeit und Überangepaßtheit gegenüber Autoritätspersonen.

Die langfristigen Auswirkungen


zeigen sich ganz deutlich im Bindungsverhalten deprivierter Menschen.
Sehr oft sind sie als Erwachsene entweder abhängig von einer meist älteren Bindungsperson und verfallen in Depressionen, wenn diese Person sie verläßt oder stirbt.
Aber auch extreme Bindung- und Beziehungsangst und Gefühlsarmut sind zu beobachten.
Weiterhin haben die erwachsenen Menschen übermäßig hohe Ansprüchen in Sachen Geld, Liebe, Essen. Sie sind nicht in der Lage, Rückschläge hinzunehmen und müssen stets aktiv sein.

Triebverzicht zugunsten eines Funktionierens des menschlichen Zusammenlebens wird nicht als lohnend empfunden, da soziale Integration und Geborgenheit nie erfahren wurden. Kompensatorische Bedürfnisbefriedigung wird zur Regel. Es wird meist versucht, mangelnde oder gänzlich fehlende emotionale Zuwendung und soziale Bestätigung durch materiellen Konsum auszugleichen.
Aus der frühen emotionalen Unterernährung resultiert die Unfähigkeit, angemessene soziale Beziehungen auszubilden und am sozialen Austausch teilzunehmen. Der Weg in die normale menschliche Gemeinschaft ist oft verschlossen.

Symptome des Hospitalismus bei Erwachsenen

  • Sprachmanierismen (unnatürliches Sprachverhalten)
  • Haltungs-Auffälligkeiten
  • Stereotypien (Wiederholen von sprachlichen Äußerungen oder motorischen Bewegungen, z.B. Hin-und Herwiegen, über einen längeren Zeitraum)
  • sexuelle Abweichungen
  • Unsauberkeit/ Nachlässigkeit
  • Initiativlosigkeit
  • passive Abhängigkeit
  • Verlust individueller Besonderheiten
  • Autoritätsabhängigkeit

Die Bindungsfähigkeit ist durch viele schlimme Erfahrungen so gravierend gestört, daß logischerweise auch sehr schwer eine Beziehung zu einem Therapeuten aufgebaut werden kann.
Aufarbeitung des Traumas und Heilung ohne einfühlsame fachliche Begleitung ist dennoch kaum möglich , deshalb wünsche ich allen Betroffenen Mut, diesen Schritt, trotz all ihrer Ängste zu wagen!

© Schotterblume e.V.