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Ess-Störungen



Redensarten:
„Es ist zum Kotzen“
„Der Bissen bleibt mir im Hals stecken“
„Ich schlucke meine Wut hinunter“
„Das schlägt mir auf den Magen“
„Ich fresse alles in mich hinein“
„Nun spuck’s schon aus“
„Ich hatte einen dicken Brocken zu schlucken“
„Es liegt mir wie ein Stein im Magen“
„Ich habe mich selbst zerfleischt“
„Ich muß mich durchbeißen“


Voranstellen möchte ich, dass es durchaus auch Eßstörungen gibt, die rein körperliche Ursachen haben.

Hier aber geht es um die psychogenen, also die seelisch bedingten Eßstörungen.
Diese Störung des Eßverhaltens ist demnach keine schlechte Angewohnheit, die sich abtrainieren lässt, sondern eine eine weitverbreitete psychosomatische Erkrankung, eine Sucht, die dennoch bisher keinesfalls ausreichend behandelt und beachtet wird.
Ohne ärztliche Hilfe ist eine Heilung aber kaum möglich.

Wir unterscheiden drei verschiedene Krankheitsbilder, alle haben allerdings eines gemeinsam : „Alles dreht sich ums Essen“

Die Magersucht (Anorexia nervosa)

„Das einzige, was ich in meinem Leben beherrsche ist das Hungern“

ist gekennzeichnet durch deutliches, selbst herbeigeführtes Untergewicht und anhaltendes Streben nach Dünn-Sein.
Es werden dazu ganz gezielt oft gravierende, gewichtsreduzierende Maßnahmen eingesetzt wie: Hungern, Erbrechen, Abführen, übertriebene körperliche Aktivitäten oder Medikamente.
Trotz des nicht selten lebensgefährlichen Untergewichts fühlen sich diese Menschen dennoch oft noch zu dick. Sie leugnen beharrlich und überzeugt den Schweregrad ihres geringen Gewichts, denn Menschen mit Eßstörungen besitzen in der Regel ein verzerrtes, negativ gefärbtes Körperbild, unklare Körperwahrnehmung verbunden mit mangelndem Identitätsgefühl.
Als Folge des Untergewichts kommt es zu einer Vielzahl von Veränderungen im Verhalten, Denken und Fühlen der betroffenen Menschen, auch körperliche Folgeerscheinungen bleiben aufgrund der Mangelernährung natürlich nicht aus.
Gedanken über das Essen nehmen ein riesiges Ausmaß an, bestehen sozusagen permanent.
Hunger wird allerdings geleugnet oder uminterpretiert.
Eine Behandlung wird meist strikt abgelehnt, zu groß ist die Angst vor einer Gewichtszunahme.
Magersüchtige sind süchtig nach dem Gefühl des Hungers und wie bei jeder Sucht wird auch hier die Dosis ständig erhöht.
In dieser entstehenden Notsituation produziert der Körper Endorphine, die den magersüchtigen Menschen in eine Art Rauschzustand versetzen und ihn keine Gefahr spüren lassen. Der Satz: „Iß doch einfach was“ ist natürlich keine Hilfe. Die Magersucht ist lebensgefährlich. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 20%.

Ein NEIN zum Essen ist in der Regel ein NEIN zur Körperlichkeit, zur Sexualität, zur Triebhaftigkeit. Meist fehlt magersüchtigen Frauen die Menstruation, fast immer haben sie zumindest Probleme in diesem Bereich.
Magersüchtige gehen extrem selbstzerstörerisch mit sich um. Der Körper wird fast immer als gierig und bedürftig erlebt, und das muß bekämpft werden.. Hungern wird als Sieg über den Körper erlebt.
Wer Essen verweigert, erhält aber auch noch eine andere Art von „Macht“, nämlich über die diejenigen, die in verzweifelter Angst glauben, den magersüchtigen Menschen zum Überleben und zum essen bewegen zu müssen.
Suche nach Zuwendung auf Umwegen!

Die Eß-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

„Ich find mein Leben zum Kotzen“

Bei den meist schlanken und durchaus normalgewichtigen betroffenen Menschen kreisen die Gedanken ebenfalls immerfort um das Essen, die Figur und die krankhafte Furcht zuzunehmen.
Ständig wird das Gewicht kontrolliert.
Die Bulimie zeigt sich allerdings in Form eines Wechsels von äußerst gezügeltem und reduziertem Eßverhalten einerseits und Heißhunger-Attacken andererseits.
Große Nahrungsmengen werden in kurzer Zeit - zumeist heimlich - regelrecht verschlungen, mehrmals wöchentlich, nicht selten mehrmals täglich. (Bis zu 30 000 Kalorien pro Anfall !!! )
Menschen mit dieser Eßstörung nehmen allerdings dann eine Art "Korrektur" des Schuldgefühls und des dickmachenden Effekts vor, z.b. durch gezieltes Erbrechen, Hungerperioden, Abführmittel oder Appetitzügler.
Diese drastische Reduzierung wiederum führt zu einem körperlichen Mangelzustand, durch den Hunger- und Sättigungsgefühl nicht mehr zuverlässig wahrgenommen werden können.
Außerdem provoziert der Mangelzustand dann wieder Heißhunger-Attacken, die als erneute "Eßanfälle" in Kontrollverlust münden, denn die Kontrolle über die Nahrungsaufnahme wird dabei verloren. Ein Teufelskreis!
Ständig zerrissen zwischen Gier und Askese, zwischen Heißhunger nach Liebe und der Angst vor der selben.
Es werden alle möglichen Tricks gefunden, um die Umwelt über die Eßgewohnheiten zu täuschen. Das heimtückische an dieser Krankheit ist, dass die Folgen im Gegensatz zu der Mager – oder der Fettsucht, in der Regel nicht sichtbar sind.
Diese Erkrankung ist besonders schambesetzt und wird fast immer lange verheimlicht. Im Zusammenhang mit Bulimie treten deshalb auch häufig Depressive Zustände, Selbstverletzendes Verhalten, Suizidversuche und Drogenmissbrauch auf.
Über viele Jahre hinweg galten die Magersucht und die Eß-Brech-Sucht als reine Frauenkrankheiten, inzwischen ist bekannt, dass durchaus auch Männer an diesen Störungen leiden.

Die Fettsucht (Adipositas)

„Nur wenn ich esse, merke ich, dass ich lebe!“

wird definiert als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts.
Die Menschen fühlen sich dem Drang nach Essen gegenüber machtlos, fühlen sich unfähig, ihr Essen zu kontrollieren. Es kommt durchaus zu regelrechten "Eß-Anfällen".
Wenn aber keine Befriedigung des Drangs erfolgt, entstehen starken innern Spannungen, die sich durch Ungeduld, Reizbarkeit, Aufregung oder Aggression äußern können. Auslöser dieses Eßverhaltens ist fast immer die eigene Gefühlslage.
Essen wird eingesetzt um unangenehme Gefühle zu verändern oder zu verdrängen.
Eßüchtige essen z.b. aus Kummer, Trauer, Einsamkeit, Ärger, Trotz, Wut ...
Essen wird als Suchtmittel zur Gefühlmanipulation eingesetzt. Es ist eine Art Versuch, Lebens- und Liebeshunger zu stillen, oft schon früh in der Kindheit so gelernt!
Dieser Hunger bleibt aber unstillbar, da innere Leere nicht mit Nahrung aufgefüllt werden kann.
Ein voller Bauch erfüllt nicht, er macht nur dick.
Auf den natürlichen Mechanismus von Hunger und Sättigung als Maß für die richtige Essensmenge können sich diese Menschen bald nicht mehr verlassen. Essen befriedigt ja auch nur sehr kurzzeitig. Dann muß wieder gegessen und die Dosis erhöht werden, Übergewicht und Frust werden größer und dadurch entstehen in der Regel große Schuld- und Versagensgefühle.
Zudem werden die Menschen häufig gehänselt, verspottet, verletzt und die Schamgefühle wachsen ständig weiter.

Bei den genannten Eßstörungen kann es durchaus auch verschiedene Unter-und Mischformen geben, sogenannte atypische Eßstörungen.
Bei einem Seminar hörte ich z.b. erstmals von der „Binge-Eating-Störung“. Damit werden unkontrollierte Essanfälle OHNE Gegenregulation verstanden.

Mögliche somatische und psychosomatische Auswirkungen von Eßstörungen:

Schmerzzustände
Konzentrationsstörungen
Schlafstörunge
n Herz/Kreislaufstörungen
Schweißausbrüche
Infektionen der Atemwege
Gelenkschmerzen
Hormon/Menstruationssörungen
Haarausfall
Verstopfung/Durchfall
Gestörter Elektrolythaushalt
Schädigung/ Verfall der Zähne
Speiseröhrenverätzung
Speicheldrüsenvergrößerung
Schwellung der Lumphknoten
Muskelkrämpfe
Lähmungserscheinungen
Schädigung des Nervensystems
Magenkrebs
Nierenversagen

Emotionale Reaktionen

Ängste
Zwänge (Waschzwang, Kontrollzwang usw.)
Phobien
Psychosen
Regressives Verhalten
Vereinsamung
Beziehungsstörungen
Aggressionen
Depressionen
Selbstverletzendes Verhalten
Wahrnehmungsstörungen

Diese massiven Störungen des Eßverhaltens sollten auf jeden Fall als Bewältigungsstrategie tiefgehender Probleme gewürdigt werden.
Hinter jeder Eßstörungssymptomatik verbirgt sich eine individuelle Leidensgeschichte und sie ist Ausdruck eines inneren Konfliktes, fast immer basierend auf familiäre Faktoren wie Mangel an Grenzen, Grenzverletzungen, großer Leistungsdruck (Liebe für Leistung), abverlangter Perfektionismus, miterlebte Elternkonflikte, Ablehnung von Gefühlen usw.
Viele betroffene Menschen haben über Jahre hinweg Gefühle wie Trauer, Wut und Verletzheit unterdrückt. Gefühle zeigen ist oft gleichbedeutend mit Schwachsein und sich ausliefern.
Eßgestörte Menschen haben es nicht gelernt, ihre Gefühle auszudrücken und für ihre Bedürfnisse einzutreten, besonders, dafür die Auseinandersetzung mit wichtigen Bezugspersonen aufzunehmen.
Das Essen wird als "Ersatz" eingesetzt, als Ersatz für so vieles ....

Das Denken, Fühlen und Handeln eßgestörter Menschen ist vorwiegend durch das Eßproblem bestimmt, sie versuchen durch Essen Spannungen auzugleichen, ein scheinbares Gleichgewicht herzustellen.
In diesem Zusammenhang steht bei vielen Bulimie/Anorexie-Pateienten/innen auch das Schwanken zwischen einer völlig überzogenen Kontroll-Illusion und dem Gefühl absoluter Hilflosigkeit eine große Rolle.
Als weitere Denkstörungen fallen insbesondere Übertreibungen, irrationale Überzeugungen (z.b."Ich kann durch Hungern Schuld abbauen") und abergläubisches Denken auf.
Eßgestörte Menschen haben erschreckend häufig in ihrer Kindheit sexuelle Grenzüberschreitungen erfahren und ich kann aus meiner Erfahrung heraus sogar sagen, dass ich persönlich keinen einzigen Menschen mit einer Missbrauchserfahrung kenne, der kein Eßproblem hat.
Ich habe vor einigen Monaten einen Besuch in einer psychosomatischen Klinik gemacht und mit vier Patientinnen in einem Zimmer gesprochen, alle vier litten an Magersucht, alle vier waren in der Kindheit sexuell missbraucht worden!
Eine von ihnen sagte einen Satz, den ich nicht mehr vergesse: "In mich steckt niemand mehr etwas rein, was ich nicht will".
Und sie sagte mir weiter "Die Kontrolle über mein Essen ist die einzige Macht, die ich habe".
Sie vertraute mir auch mit einem diebischem Grinsen im Gesicht an, wie sie die ganzen Schwestern und Ärzte morgens beim Wiegen austrickst ....
Das in diesem Falle auch der mittlerweile fünfte Klinikaufenthalt keine Änderung gebracht hat, wundert wohl niemanden.
Aber deutlicher kann wohl nicht klar werden: eine Auseinandersetzung mit der erlebten Gewalt ist unbedingt notwendig, um das Trauma und die damit verbundene Überlebensstrategie, wie in diesem Falle die Eßstörung, zu heilen.
Einige Fachkliniken bieten eigene Indikativgruppen für eßgestörte Menschen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen an.
Es handelt sich bei dieser Therapie um einen Prozeß, der meist nach der stationären Zeit ambulant weitergeführt werden sollte, denn er ist nur ein Glied in einer Behandlungskette.
Wunder sollten von einem Klinikaufenthalt nicht erwartet werden, denn die dauern auch hier etwas länger ....
Es ist deshalb sinnvoll, bereits vorher Kontakt zu Selbsthilfegruppen, Ärzten, Nachsorgetherapeuten oder psychosozialen Diensten aufzunehmen, auf die nach der Rückkehr aus der Klinik zurückgegriffen werden kann.

Was geschieht bei einer stationären Therapie?

Aufgaben und Ziele der Therapie:
Die Patienten/innen arbeiten als Partner des Therapeutischen Teams an ihrem eigenen Gesundungs- und Heilungsprozeß und die aktive, selbstverantwortliche Mitarbeit ist dabei unerlässlich.
Die Arbeit soll dabei symptombezogen sein, denn alle Einsichten und Absichten bleiben ergebnislos, solange der süchtige und zwanghafte Teufelskreis beim Eßverhalten nicht durchbrochen wird!
Die Therapie beschäftigt sich darüber hinaus selbstverständlich mit den zugrundeliegenden Lebensumständen, Konflikten, Verletzungen, Zwängen und Ängsten.
Wie gesagt, ist das Denken, Fühlen und Handeln der eßgestörten Menschen vorwiegend durch das Eßproblem bestimmt. Gemeinsam wird deshalb eine körperliche und seelische Stabilisierung angestrebt, die es künftig möglich macht, ein gesundes, gesellschaftlich integriertes Leben in Eigenverantwortung führen zu können.

Hört sich gut an, ich weiß, aber wie geht das?
Elemente verschiedener Therapieformen, wie:

Medizinische Betreuung
Gruppentherapie
Einzelgespräche
Familientherapie und evl. Angehörigenseminare
Körper-und Bewegungstherapie
Gestaltungstherapie
Trainings-und Bewegungsprogramm
Physiotherapie
Ernährungstherapie-und beratung
Nachsorge- und Selbsthilfetraining

werden aufeinander abgestimmt.

Die Therapien finden vorwiegend in Gruppen statt, denn die Gruppenzugehörigkeit stellt ein wichtiges Sozialisierungsprinzip dar, natürlich kommen aber auch Einzelgespäche dazu.
Zunächst geht es darum, die Krankheit als solche zu akzeptieren und sich voll und ganz auf die Behandlung einzulassen.
Es folgt die Aufarbeitung, die Auseinandersetzung der Lebens- und Krankheitsgeschichte in der Verknüpfung mit der Entstehung des Eßproblems.
Erst die tiefgreifende Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis ermöglicht es, alte und krankmachende Verhaltens- und Denkmuster aufzugeben und neue, realistische auszuprobieren.
Unerlässlich ist es,die Veränderung des gestörten Selbstbildes zu erreichen, damit das Selbstwertgefühl nicht mehr nur durch Gewicht und Aussehen bestimmt wird.

Im Idealfall sind zum Zeitpunkt der Entlassung möglichst klar umrissene Therapieziele erreicht worden, Konzepte zur Bewältigung entwickelt worden und neue Zukunftsperspektiven entstanden.

Buchtipps:


Baeck, S.: Eßstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Lambertus-Verlag

Becker,K.: Die perfekte Frau und ihr Geheimnis. Rowolt-Verlag

Bruch, H.: Der goldene Käfig. Fischer TB

Gerlinghoff, Backmund: Magersucht und Bulimie verstehen und bewältigen. Beltz

Gerlinghoff,Backmund,Mai: Magersucht und Bulimie. Beltz

Göckel, R.: Eß-Sucht oder die Scheu vor dem Leben. Rowolt-Verlag

Habermas, T.: Heisshunger. Fischer TB

Johnston, A.: Die Frau, die im Mondlicht aß

Köpp/Jacoby: Beschädigte Weiblichkeit. Asanger- Verlag

Langsdorff,M.: Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen. Fischer-Verlag

Schmidt, Treasure: Die Bulimie besiegen

Schulte,M.: Bulimie. Thieme-Verlag

Treasure,J.: Gemeinsam die Magersucht besiegen

Wardetzki,B.: Iss doch endlich mal normal! Kösel-Verlag

Wirth,A.: Adipositas. Springer-Verlag

Empfohlene Kliniken:


Klinik am Korso
Fachzentrum für gestörtes Eßverhalten
Ostkorso 4
32545 Bad Oynhausen
Tel.: 05731 / 181-0
Internet : www.klinik-am-korso.de
E-mail : info@klinik-am-korso.de

Psychosomatische Fachklinik Münchwies
Turmstr. 50 - 58
66540 Neunkirchen /Saar
Tel.: 06858 / 691-215

Parkland-Klinik
Im Kreuzfeld 6
34537 Bad-Wildungen-Reinhardshausen
Tel.: 05621 / 706-0
http://parkland-klinik.de
E-mail: Parkland-Klinik@t-online.de

Michael-Balint-Klinik
Hermann-Volant-Str. 10
78126 Königsfeld /Schwarzwald
Tel.: 07725 / 932-0
(Aufnahme ab 16 Jahre)

Seepark-Klinik
Sebastian-Kneipp-Str.1
29389 Bad Bodenteich
Tel.: 05824 / 21-0
E-mail: info@seepark.mediclin.de

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