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ADS



genetisch bedingt, oder liegt eine weitere mögliche Ursache in einer frühen Bindungsstörung?

Lange war für mich, wie wohl für die meisten anderen auch, ADS oder auch ADD genannt (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder auch Aufmerksamkeits-Schwäche-Syndrom) eine „Kinderkrankheit“.

Als eine Mutter, die wegen eigener erlittener Kindheitstraumata in meine Praxis kam, mir einen ADS-Fragebogen, den ihr der Kinderarzt für ihre kleine Tochter mitgegeben hatte, vorlas, wurde ich mehr als nachdenklich.
All die geschilderten Symptome kannte ich von vielen, sehr vielen meiner erwachsenen Klienten, auch die hätten fast all diese Fragen mit „Ja“ ankreuzen können.
Auch besagte Mutter bestätigte mir, dass das alles mehr oder weniger nicht nur auf ihre Tochter, sondern auch auf sie selbst zutreffe.

Zufall?

Ich begann mich zu informieren und erfuhr, dass ADS nicht „heilbar“ ist, sich die Auswirkungen zwar häufig im Jugend- oder Erwachsenenalter verändern , damit oft besser zu handhaben sind, nicht aber, wie allgemein behauptet wird, „auswachsen“.
ADS wird bei Kindern schon als „Modekrankheit“ abgetan und wird bei Erwachsenen, selbst von Fachleuten häufig ganz einfach abgestritten oder belächelt.
Freunden anvertraut, kommt als Reaktion meist nicht mehr als: „Ach was, vergesslich bin ich auch ab und zu“.
Aber ADS ist weitaus mehr, als vergesslich zu sein.
„Mangelnde Steuerungsfähigkeit“ ist da schon passender.

Wie äußert sich diese Störung?

Erwachsene berichten häufig von
  • Aufmerksamkeitsstörungen (z.B. Konzentrationsschwäche, leichte Ablenkbarkeit, Reizüberflutung),
  • Desorganisiertem Verhalten ( z.B. mangelnde Organisationsfähigkeit)
  • Bewegungsunruhe
  • Impulsivität
  • Affektlabilität (Stimmungsschwankungen)
  • Geringer Stresstoleranz (Überreaktionen)
Ein Spezialist erklärte mir in einem persönlichen Gespräch relativ treffend, eine zentrale Auswirkung von ADS, die Reizüberflutung, so: Oben im Gehirn sitzt normalerweise ein Kontrolleur, der all die abermillionenfach ankommenden Eindrücke sortiert nach wichtig und unwichtig.
Er lässt die wichtigen Eindrücke herein und filtert die unwichtigen heraus und wehrt sie ab.
Bei ADS’ lern ist dieser Kontrolleur entweder gar nicht da oder er kann seiner Aufgabe aufgrund einer „Andersartigkeit im Hirnstoffwechsel“ nicht ausreichend nachkommen.
Folgen davon sind z.B. viel zu viel aufzunehmen sowie nicht abwägen oder abbremsen zu können.
Strukturiertes Arbeiten ist nur bei hoher Motivation möglich, ansonsten tritt eine sehr rasche mentale Müdigkeit ein und der Betroffene hat größte Mühe, etwas Begonnenes wirklich zu Ende zu bringen. Dazwischen scheint es nichts zu geben, also entweder hochmotiviert oder zwanghaft zerstreut. Kleinste Reize können einen sofortigen Stimmungsumschwung erzeugen. Es gibt weiterhin bei vielen eine Neigung, sich zu verirren. Schwierigkeiten gibt es auch beim Lernen und besonders beim Behalten des Erlernten. Das Einschätzen von Zeit ist schwierig und durch das Vollpacken des Tagesablaufs mit viel zu vielen Erledigungen bringt sich der betroffene Mensch selbst in größte Hektik.
Ist diese Hektik nicht mehr auszuhalten, kann das zum Gegenteil führen, zu einer Art von Lähmung.

Gedanken und auch Wissen sind nicht wirklich einsortierbar, sondern alles „ schwirrt wie Wespen im Kopf.“ Und die sind schwer zu greifen - und dann auch noch zum richtigen Zeitpunkt.
Trotz größter Willensanstrengung passiert es ständig, dass diese Menschen von einer Tätigkeit zur anderen abschweifen.
Stellen Sie sich vor, Sie haben eben begonnen, einen wichtigen Brief zu schreiben und finden sich vielleicht kurze Zeit später auf dem Speicher wieder, vor einer alten Kiste mit den Fotoalben Ihrer Schulzeit.

Wie das?

Nun, beim Schreiben des Briefes überlegen Sie, ob Sie überhaupt eine Briefmarke haben und gehen eine Treppe höher ins Büro um in dem Kästchen für die Briefmarken nachzusehen. Auf der Treppe liegt noch die Rolle Toilettenpapier, die Sie in den Gäste-WC bringen wollten. Im Gäste-WC sehen Sie, wie verschmutzt der Spiegel ist und gehen zurück in die Küche um das Glasreinigungsspray zu holen. Oje, in der Küche der noch halb abgeräumte Frühstückstisch, schnell noch alles in den Kühlschrank, fast alles.
Der Briefträger klingelt. Ein Brief von der alten Schulfreundin, die zum Klassentreffen einlädt ... so finden Sie sich dann, nach einigen Zwischentätigkeiten auf dem Speicher vor den alten Fotoalben wieder.
Der begonnene Brief ? – Erst mal vergessen.

Lustig ? – Für Betroffene nicht!

Tausend unerledigte Dinge, nicht bezahlte Rechnungen, aufeinander gestapelte Papierberge, vergessene Arzt-Termine, Geburtstage, verlorene Schlüssel, peinliche Verwechslungen, abgestellter Strom, Irrfahrten mit dem Auto in die falsche Richtung - all das wird zu einem Horror, für den Betroffenen selbst und auch für seine Familie.
Nicht selten zerbrechen daran Partnerschaften.
ADS’ ler sabotieren sich selbst, sind dennoch funktionierende Nichtfunktionierer.
Sie leisten in ihrem Chaos durchaus Erstaunliches, haben oft geniale Fähigkeiten, nur wie und unter welchen Anstrengungen...
Knoten in Taschentüchern, Zettel, Merkblöcke, PC- Notizen, Tagespläne?
Kaum eine wirkliche Chance.
So ein Leben bedeutet, abends oder nachts nach einem Tagesablauf der einem Rennen im Hamsterrad gleicht, erschöpft einzuschlafen, wenn das die schwirrenden Gedanken im Kopf überhaupt zulassen.
Depressionen, Selbstzweifel, Wertlosigkeit ... die Einschätzung dumm, faul, verrückt zu sein. Kopf-, Herz- und Darmbeschwerden, Herzrhythmusstörungen und Panikattacken und auch Selbstmedikation durch Drogen sind häufige und verständliche Folgen eines solch chaotischen täglichen Kampfes.

ADS ist angeblich eine genetische Erkrankung und es wird angenommen, sie beruht auf einem Mangel an Neurotransmittersubstanzen (Botenstoffe) auf Stammhirnebene.
Es gibt eine weitere Annahme, es handele sich bei ADS um eine Überaktivität einer Hirnregion.

Noch allerdings weiß niemand so ganz genau, wodurch ADS verursacht wird.

Bereits erwähnter Fachmann erklärte das, wieder leicht verständlich so:
Informationen werden durch kleine Schiffe (Neurotransmitter) von einer Hirnzelle zur anderen transportiert. ADS’ler haben zu wenig von diesen Schiffen. So kommt am Ende oft nicht alles dort an, wo es hin soll, weil es von den immer zu voll beladenen Schiffen herunterfällt und unterwegs ganz oder teilweise verloren geht, oder es kommt viel zu spät oder falsch an usw.
Diese unzureichende Informationsübertragung im Gehirn löst eine Anzahl von teils schwerwiegenden Beeinträchtigungen, wie teilweise oben genannt, aus.
Später hörte ich es dann eher so, dass die Schiffe einfach nicht genügend Zeit haben alle Informationen abzuladen, weil sie zu früh zurückgepfiffen werden.

Die Frage ist nur, weshalb haben so viele Menschen diese Störung im Hirnstoffwechsel?
Und vor allem, wieso haben sie so viele traumatisierte Menschen, die ADS allerdings meist nur durch ganz großen Zufall entdecken, weil ADS sich bei ihnen hinter eher bekannten und „anerkannten“ Diagnosen verstecken, die denn heißen PTBS, Persönlichkeitsstörungen- besonders Borderline, Bipolare Störung, Schizophrenie, Depression, Suizidalität oder sich auch verbergen hinter Hauterkrankungen Drogen- / Alkoholsucht, Autoimmunerkrankungen, Allergien, Herz- Kreislaufstörungen und dort nicht erkannt werden.
Sind diese Störungen nun Traumafolgestörung, Folgestörung von ADS, oder ist ADS selbst eben auch Traumafolgestörung?
Immer noch viele offene Fragen.
Die rein genetische Erklärung genügt mir nicht. ADS mag durchaus angeboren sein, aber dennoch nicht vererbt. Wie ich das meine?
Ich bin sicher, es besteht sehr häufig ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen ADS und Trauma , ganz sicher aber zwischen ADS und frühkindlichen oder auch vorgeburtlichen Bindungsstörungen/Defiziten.
Ein Kind kann bereits traumatisiert auf die Welt kommen, weil es im Mutterleib traumatisiert wurde, es kann also mit ADS geboren werden, ohne das dies genetisch bedingt ist.
Die Verbindung zu frühkindlichen Defiziten bestätigt durchaus auch die ADS-Forschung, nur sehen es die einen Fachleute so, dass „die vorhandenen Symptome durch negative kindliche Erfahrungen verschärft werden“.
Sie bezeichnen dabei speziell den sexuellen und psychischen Missbrauch als „erschwerende Faktoren“ – nicht allerdings als Ursache.
Das sehe ich persönlich anders, auch aus meiner Erfahrung mit vielen sexuell traumatisierten Menschen heraus.
Andere Fachleute dagegen halten es für möglich, dass Menschen, die eine ADS-Störung haben, bedingt durch diese Störung leichter zum Opfer und damit erst traumatisiert werden.

Denken wir bei Letzterem aber an ein Kind, kann ich diese Sichtweise keinesfalls teilen, sie erschreckt mich allenfalls.
Der Täter wählt das Kind mit Sicherheit nicht aus, weil es durch ADS-Auswirkungen bedingt ein „leichteres Opfer“ wäre, sondern „ganz einfach“ nur, weil es ein wehrloses Kind ist, so und so chancenlos.
ADS Kinder haben häufig ein schwaches Selbstbewusstsein - haben „normale“ Kinder denn eines, das genügt, um sich gegen einen viel stärkeren Erwachsenen zu wehren?
Wie bereits gesagt, ich sehe den Zusammenhang ADS und (Kindheits-) Trauma genau umgekehrt und halte ADS, zumindest in ganz vielen Fällen, für eine Folge von frühen Traumatisierungen, für eine neurobiologische Folge.
Wir wissen heute: Nicht nur die genetische Veranlagung, sondern auch frühe (auch vorgeburtliche) Beziehung zu zentralen Bezugspersonen steuert die Gehirnentwicklung bis hin zur Herstellung von Proteinen, die für den Aufbau der Hirnstruktur benötigt werden.
Um ein komplexes Trauma für längere Zeit überleben zu können, werden Hirnregionen blockiert oder in schlimmen Fällen gar Hirnzellen oder ganze Verknüpfungen eliminiert, auf jeden Fall aber werden vollkommen neue Not-Verknüpfungen im Gehirn geschaffen.
Durch ständigen frühen Trauma-Stress können Teile des Gehirns für lange Zeit unterentwickelt bleiben, weil andere Teile für diese heißen Themen zuständig sind und ständig „übernehmen“ und isolieren müssen.
Zusätzlich kann sich auf Dauer ein so genanntes „Kindling-Phänomen“ entwickeln, d.h. die Erregungsschwelle sinkt so weit, dass die Stressverarbeitungs-Systeme im limbischen System (steuert das emotionale Verhalten im Gehirn) ganz übermäßig empfindlich werden.

Schon 1957 lokalisierte Maurice Laufer bei der Untersuchung des „hyperkinetischen Syndroms“ - heute ADS - den Sitz der Dysfunktion im Thalamus, einem Teil des Mittelhirns, das auch bei der Traumaverarbeitung eine entscheidende Rolle spielt, denn bei Trauma-Stress greift das Hirn auf eine Schnellverbindung zwischen Thalamus und Amygdala (Alarm-Melder) zu.
Bei jahrelanger Traumatisierung ist eine spätere „Dysfunktion“ des Thalamus mehr als nachvollziehbar.

Die ADS-Forschung spricht aber auch von einer Desregulation im chemischen Überträgersystem (Neurotransmitter). „Aus irgendeinem Grund“ würden die nicht funktionieren...
Man nimmt an, es handele sich um eine Unterproduktion, bzw. Unterverwertung von Transmittersubstanzen, zu denen auch Adrenalin und Noradrenalin gehören.
Diese Hypothese ist allerdings noch immer umstritten.
Trauma-Stress, d.h. besonders akuter Stress, führt zu einer permanent erhöhten Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin.
Bei chronischem Stress allerdings werden niedrigere Werte festgestellt.

Die Aufmerksamkeitsfunktion ist immer auf die eine oder andere Weise mit allen Gehirnfunktionen verknüpft.
Einen Zusammenhang von ADS und einer Störung in der frühen Bindungserfahrung, zu der natürlich erst recht ein Trauma gehört, halte ich persönlich für mehr als naheliegend, d.h., ich betrachte somit ADS auch als eine der vielen möglichen Folgeerscheinungen eines Traumas.

Schuldige zu suchen ist dabei keine Lösung, aber vor Ursachen nicht die Augen zu verschließen könnte eine ganz neue Chance sein.

Das beste, das ich je über ADS erfahren habe, stammt von Dr. med. Hans Heiner Decker aus Arnsberg und ich möchte Ihnen allen seine mehr als bemerkenswerte HP ans Herz legen.
Dort erfahren sie ganz sicher vieles über ADS, was sie bisher vermutlich noch nicht wussten.

Dr. Decker bietet auch ADS- Diagnose an. Sollte es für den einen oder anderen auch eine weite Fahrt sein, sie lohnt sich.

Dr. med. Hans Heiner Decker
Ludgeristr. 4
59759 Arnsberg
decker@onlinemed.de
www.ads-praxis.de
fon: 02932 4571
fax: 02932 202-541

Diesen Auszug aus der HP von Dr. Decker möchte ich an den Schluss meiner Erklärungen setzen:

"Das subjektve (!) Gefühl des Betroffenen von mangelnder Geborgenheit in der Kindheit scheint der (!) entscheidende Impuls zu ADS-auffälligem Verhalten zu sein. Dieses Geborgenheitsdefizit (aus subjektiver Sicht des Kindes) ist unweigerlich mit dem Gefühl, nicht im erwünschten Maße anerkannt oder geliebt zu sein, verbunden. Diese Erkenntnis wird mit Regelmäßigkeit von ADS-betroffenen Erwachsenen und älteren Jugendlichen berichtet, wenn es Ihnen gelingt, ihre frühesten Kindheitserinnerungen zu reflektieren.

Häufig ist schon aufgrund der Konstellationen in der Schwangerschaft oder im Säuglingsalter eine latente oder sogar offene Gefährdung für eine harmonische und ungestörte Entwicklung gegeben. Schwierige Familienverhältnisse (nicht nur) bei unehelichen Beziehungen, Adoptionen, geburtstraumatische Ereignisse, Säuglingskrankheiten mit langwierigen stationären Aufenthalten („Frühchen“) mit Trennungssituation von der Mutter bedingen in hohem Maße und nachvollziehbare Verunsicherungen von leiblicher Mutter und Kind. Aber nicht nur derartige Konstellationen gefährden die Entwicklung kindlichen Urvertrauens und von Geborgenheit: Oft genug sind es auch überbehütete Säuglinge und Kleinkinder, denen die Chance, die Welt selbst zu erkunden und kennenzulernen, genommen wurde. Mit Regelmäßigkeit weist ein erhöhtes Angstniveau auch bei mindestens einem Elternteil auf übertragbare Verhaltensnormen hin. Auch diese Kinder leiden später unter mangelndem Selbstbewusstsein und sind in hohem Maße verunsichert und ängstlich."


Dagmar Minor-Püllen
Schotterblume e.V.

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